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26.10.2009

Pressemitteilung

Götterdämmerung

Die letzten Tage des Zentralkomitees

Szenische Lesung
aus den Protokollen der letzten Sitzungen des ZK der SED, Oktober bis Dezember 1989

INHALT
Völlig unerwartet fiel am 9. November 1989 – wenige Wochen nach dem mit Aufwand begangenen 40. Republikgeburtstag – die Berliner Mauer. In kürzester Zeit brach die DDR wie ein Kartenhaus zusammen. Innerhalb weniger Wochen verschwand die Regierung des einzigen sozialistischen Staates auf deutschem Boden – Politbüro und Zentralkomitee – von der politischen Bühne.
Wie ein Flugschreiber dokumentieren die überlieferten Protokolle ebenso wie die Tonmitschnitte der letzten ZK-Sitzungen verzweifelte Rettungsversuche, hilflose Wortgefechte und tumultartige Szenen. Zwischen Tragik und Komik brechen Lebensentwürfe zusammen, gehen Illusionen verloren, wird vorsichtig Demokratie geübt.
Am 5. November 2009 lesen Mitglieder des Schwedter Schauspielensembles im Kleist Forum Frankfurt (Oder) aus diesen Protokollen. Diese Lesung wird keine Geschichtsstunde werden, sie wird nicht historisch korrekt abbilden, was vor zwanzig Jahren hinter verschlossenen Türen stattfand. Statt dessen laden wir das Publikum zu einem an- und aufregenden Theaterabend ein, einer tragischen Clowneske über menschliche Schwäche und die Macht historischer Ereignisse, die über Nacht ein ganzes gelebtes Leben in seinen Ansprüchen und seinen Zielen in Frage zu stellen vermochten.

Premiere: 5.11.2009, 19.30 Uhr, Kleist Forum Frankfurt (Oder)
weitere Vorstellungen: 10.11.2009, 19.30 Uhr, Uckermärkische Bühnen Schwedt

BESETZUNG

Götterdämmerung
Die letzten Tage des Zentralkomitees

Szenische Lesung
aus den Protokollen der letzten Sitzungen des ZK der SED, Oktober bis Dezember 1989

Manuskript: Sandra Zabelt

Gösta KnotheErich Honecker
Uwe HeinrichEgon Krenz
Manfred Schulz
  

  
  
Willi Stoph
Gerhard Schürer
Karl Kayser
Hans-Joachim Böhme
Roland Möser
  
  
Günther Sieber
Gerd Laßner
Friedrich Dickel
Gerd Opitz
  
  
Otto Reinhold
Rudi Mittig
Günter Schabowski
Nora Wiel
  

  
  
Wolfgang Herger
Erich Postler
Christa Hermann
Johannes Chemnitzer
Thomas Bosowski
  
  
Otto König
Kurt Hager
Joachim Herrmann
Daniele Veterale
  

  

  
  
Manfred Ewald
Werner Jarowinsky
Wilfried Poßner
Werner Walde
Roland Claus
Reinhard Simon
  

  
  
Günter Ehrensperger
Bernhard Quandt
Hans-Joachim Willerding
Werner Eberlein

Leitung: Gösta Knothe / Sandra Zabelt
Inspizienz: Betty Dittmann

MATERIAL

Peter Steinbach
Deutsche Systemumbrüche im 20. Jahrhundert

Der Zusammenbruch der DDR ist schon wenige Wochen nach diesem Ereignis aus der Perspektive der rückwärtsgewandten Prophetie gedeutet worden. Vergessen waren die Sprachlosigkeit und auch Atemlosigkeit, die Folge und Begleitumstand der sich überschlagenden Ereignisse seit Mai 1989 waren. Die wichtige Frage, wie die Beteiligten auf den Erosionsprozeß reagieren konnten, der innerhalb von wenigen Wochen eingetreten war, wurde in der Folge konsequent nur ganz selten gestellt. Die Analyse der Kontrollmechanismen und Unterdrückungsstrukturen ließ die Frage nach der Möglichkeit, den Untergang eines Staates steuern zu wollen, in den Hintergrund treten.
Die hier vorgelegten Protokolle der letzten Sitzungen des Zentralkomitees der SED versetzen den Leser in eine Handlungskonstellation zurück, in der die Protagonisten weder wissen noch ahnen, was letztlich auf sie zukommt. So hilft die Komik, ihre – subjektiv gesehen – tragische Verstrickung in das alte System zu ertragen. Deutlich wird, daß sie den Umbruch so weder gewollt noch erwartet haben. Deshalb konnten sie sich nicht darauf einstellen. Ihre Anstrengungen erscheinen von vornherein zum Mißerfolg bestimmt zu sein. Dies wiederum wirkt zuweilen komisch. Das Lächeln, das sich einstellt, ist allerdings nicht durch Schadenfreude bestimmt, sondern Ausdruck einer inneren Befreiung.
Hier ereignet sich Geschichte, die ihren Ausgang weder kennt noch sich diesen vorstellen kann, diesen vielleicht sogar erst ganz allmählich ahnt. Mit der für die beteiligten Protagonisten immer beklemmenderen Ahnung beginnt allerdings bereits im Prozeß des Untergangs die Bemühung um die Deutung des zunächst schier Unvorstellbaren, das dadurch aber noch längst nicht zum Unglaublichen wird.

Hans-Hermann Hertle / Gerd-Rüdiger Stephan
Die letzten Tage des Zentralkomitees der SED
Einführung und historischer Überblick

Selten wurde im Zentralkomitee der SED so herzhaft gelacht wie auf jener 8. Tagung am 22. und 23. Juni 1989 in Ost-Berlin. Es war das 54. ZK-Plenum, seit Erich Honecker im Mai 1971 Walter Ulbricht abgelöst hatte, und noch deutete nichts darauf hin, daß es das letzte sein würde, das er als Generalsekretär leitete. Am Nachmittag des ersten Sitzungstages hatte gerade der erste Redner erwartungsgemäß seine uneingeschränkte Zustimmung zum mehrstündigen Bericht des Politbüros, seiner Politik und seinen Beschlüssen bekräftigt und versichert, „zu Ehren des 40. Jahrestages der Deutschen Demokratischen Republik und mit dem Blick auf den XII. Parteitag den erforderlichen Leistungsanstieg zu vollbringen“, als Honecker überraschend die Diskussion mit einer Ergänzung zum Politbüro-Bericht unterbrach. Das Politbüro begrüße die Absicht der Stadt Leipzig, sich beim Internationalen Olympischen Komitee um die Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele im Jahr 2004 zu bewerben, sagte Erich Honecker. Und dann gab er einen Kommentar des „Feindsenders“ RIAS Berlin zu dieser bereits in den Vortagen bekanntgewordenen Absicht der sächsischen Messestadt zum Besten. „Also geht doch zumindestens Erich Honecker davon aus“, las Honecker den letzten Satz des Kommentars vor, „daß die DDR auch noch im Jahre 2004 existiert.“ Die ZK-Mitglieder wollten sich ausschütten vor Lachen – und Erich Honecker und Egon Krenz lachten lauthals mit. Welch verschrobene Meinung! Die Existenz der DDR auf unabsehbare Zeit wurde zu diesem Zeitpunkt nirgends bezweifelt, weder in Moskau noch in Bonn, in Washington, Paris oder London. Wie konnte jemand ernsthaft in Erwägung ziehen, im Jahre 2004, in fünfzehn Jahren. existiere die DDR – der erste Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden, die zehntstärkste Industrienation und größte Sportnation der Welt – nicht mehr?
Nur wenig mehr als fünf Monate nach diesem Heiterkeitsausbruch war die SED am Ende, hatten Politbüro und Zentralkomitee der SED abgedankt. Fünfzehn Monate später war die DDR von der politischen Landkarte verschwunden. Von Politik und Wissenschaft völlig unerwartet brach die SED-Diktatur binnen kürzester Zeit wie ein Kartenhaus zusammen.

Alle Sitzungen des Zentralkomitees fanden streng abgeschirmt unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt. Nach außen drang nur, was nach außen dringen sollte. Ausschließlich für interne Zwecke wurden alle Tagungen vom Büro des Politbüros auf Tonband mitgeschnitten, die Original-Bänder anschließend im Internen Parteiarchiv des Politbüros unter Verschluß genommen. Über das Zentrale Parteiarchiv der SED, später der SED-PDS, nahmen sie schließlich ihren Weg in die Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (SAPMO-BArch), wo sie seit 1992 der Öffentlichkeit zugänglich sind.

Viermal trat das Zentralkomitee im Herbst 1989 unter dem Druck der Ausreisewelle, der Massendemonstrationen und massiver Forderungen der Parteibasis zusammen. Am 18. Oktober 1989 (9. Tagung) nahm es den Rücktritt Erich Honeckers entgegen, entband die für Agitation und Propaganda bzw. Wirtschaft zuständigen Politbüro-Mitglieder und ZKSekretäre Joachim Herrmann und Günter Mittag von ihren Funktionen und wählte Egon Krenz, bis dahin ZK-Sekretär für Sicherheitsfragen. zum Generalsekretär der SED. Auf der folgenden dreitägigen Sitzung vom 8. bis 10. November 1989 (10. Tagung) wurde das Politbüro, das geschlossen zurückgetreten war, neu gewählt und beschlossen, die Anmeldung des Neuen Forum, das noch kurz zuvor als „staatsfeindliche Plattform“ kriminalisiert worden war, auf der Grundlage des Vereinigungsgesetzes der DDR entgegenzunehmen. Ganz nebenbei stimmte das ZK dann am 9. November einer Reiseverordnung zu, deren vorzeitige Bekanntgabe auf einer internationalen Pressekonferenz durch Günter Schabowski die ursprüngliche Absicht, einen kontrollierten Ausreise- und erweiterten Privatreisen-Verkehr zu gewähren, untergrub und zum Fall der Mauer führte. Erste Offenbarungen der Parteiführung über das Ausmaß der ökonomischen Krise im Lande riefen Entsetzen und Empörung hervor; die Verabschiedung eines Aktionsprogramms mit weitreichenden Reformen, mit denen die SED-Spitze die Initiative des politischen Handelns zurückgewinnen wollte, wurde von einem erbitterten Streit über die politische Verantwortung für die Krise und sich daraus ergebende personelle Konsequenzen überlagert.
Der Beschluß der 10. Tagung, eine Parteikonferenz der SED zur Erörterung der politischen Lage einzuberufen, erwies sich als von kurzer Dauer. Bereits drei Tage später, am 13. November 1989 (11. Tagung), wurde er revidiert zugunsten der Einberufung eines außerordentlichen Parteitages, der – im Unterschied zu einer Parteikonferenz – der Parteibasis die Möglichkeit bot, das Zentralkomitee komplett neu zu wählen.
Am 3. Dezember 1989 (12. Tagung) schließlich erzwangen die neugewählten Ersten Sekretäre der Bezirksleitungen der SED vor dem Hintergrund erster Untersuchungsergebnisse über Amtsmißbrauch, Korruption und Privilegien der alten Parteiführung und des dagegen gerichteten Aufruhrs an der Parteibasis den Rücktritt von Politbüro und Zentralkomitee. Die Wortprotokolle dieser ZK-Tagungen sind zeitgeschichtliche Schlüsseldokumente, die die Etappen des Zusammenbruchs der im Oktober 1989 noch etablierten, aber immer weniger funktionierenden Herrschaftsordnung des SED-Staates verdeutlichen. Sie halten nicht nur fest, auf welche Weise sich innerhalb von 47 Tagen die Grundlagen und Strukturen der über vierzigjährigen Partei- und Kaderherrschaft auflösten, sondern dokumentieren gleichermaßen die Reflexions- und Erkenntnisprozesse wie auch die Ignoranz der ZK-Mitglieder über ihre eigene Rolle und die politischen und ökonomischen, die informellen und institutionellen Strukturen des Systems, dessen hervorgehobene Repräsentanten sie waren und dem sie bis dahin kritiklos gedient hatten.

Hans-Hermann Hertle / Gerd-Rüdiger Stephan (Hrsg.): Das Ende der SED. Die letzten Tage des
Zentralkomitees, Mit einem Vorwort von Peter Steinbach, Ch. Links Verlag Berlin 1997, S. 14 und 20ff.


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